In 2021 fand die Zähl- und Messaktion nochmals unter besonderen Vorzeichnen statt. Angesichts der Corona-Pandemie musste nämlich der ursprünglich geplante Aktionstermin vom 23.03. auf den 07.09.2021 verlegt werden; das Risiko von Ansteckungen im Frühjahr schien uns doch zu groß. Das Zähl- und Messkonzept hatten wir aus dem Vorjahr weitergeführt. Allerdings konnte aus organisatorischen Gründen in Ehlershausen erneut nicht gezählt und gemessen werden.
Die Organisation und Auswertung lagen wiederum in den bewährten Händen von Axel Berndt. Das Engagement der Mitglieder war wie gewohnt hoch, sodass die Aktionszeiten gut besetzt werden konnten. Schon frühzeitig gingen viele Anmeldungen zum Mitwirken ein. Ganz herzlichen Dank dafür. Der Ablauf der Aktion war coronagerecht und ohne Probleme.
Anzahl der Züge durch Otze
Gemessen wurde vom 7. September um 6 Uhr bis zum 8. September um 6 Uhr.
Die Zugzahlen von 2021 muss vermutlich immer noch vor dem Hintergrund der Corona Pandemie gesehen werden. Die leichte Erhöhung um 10 Züge gegenüber 2020 könnte damit zusammenhängen, dass Corona die wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr ganz so beeinträchtigt hat wie noch ein Jahr zuvor1.
Verteilt auf den ganzen Tag zeigten sich folgende Zugfrequenzen:

Auch in den späten Abend- und Nachtstunden (zwischen 22:00 und 06:00 Uhr) waren erneut vergleichsweise viele Züge unterwegs. Besonders problematisch wird das, wenn es sich dabei um Züge mit hohem Lärmpegel handelt – denn Lärm wirkt in der Nacht bekanntermaßen besonders störend. (Näheres dazu weiter unten.)
Bereits an dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass der subjektive Eindruck entstanden ist, dass trotz des Schienenlärmschutzgesetzes vor allem nachts besonders laute Güterzüge unterwegs waren. Das erscheint insofern bemerkenswert, als die zulässigen nächtlichen Lärmgrenzwerte niedriger angesetzt sind als am Tag. Eigentlich sollte dies dazu führen, dass lautere Züge bevorzugt tagsüber verkehren – wenn sie schon fahren müssen, dann besser am Tag. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Anzahl der Bahnübergangsquerungen in der Nacht geringer ist. Dadurch fällt der negative Effekt geschlossener Schranken in dieser Zeit nicht so stark ins Gewicht.
Messung der Schrankenschließzeiten
Die Schranken waren an dem Tag insgesamt 5 Stunden und 36 Minuten geschlossen. Die längste Schließzeit lag bei 4:08 Min., die kürzeste bei 0:28 Min. Die durchschnittliche Schrankenschließzeit betrug 1:35 Min. Über den Tag verteilt zeigt sich folgendes Bild der Schrankenschließzeiten:

Diese Verteilung der Schrankenschließzeiten korrespondiert natürlich mit der Verteilung der Zugfrequenzen über den ganzen Tag. Aber gerade da zeigt sich ja die Problematik: Die Zeit der hohen Zugzahlen mit den entsprechend hohen Schrankenschließzeiten fällt zugleich in die Zeit mit einer recht hohen Zahl querender Berufspendler, des Berufsverkehrs sowie des Aufsuchens und Verlassens der Schule und des Kindergartens (7- 11 Uhr und dann wieder 16-20 Uhr). Das ist nicht nur ein Problem der Dorfzerschneidung, sondern auch ein Sicherheitsproblem. Das machen die folgenden Querungszahlen recht deutlich (auch unter Berücksichtigung einiger Abweichungen vom obigen Zeitfenster).
Schienenquerungen
Insgesamt wurden 2.424 Querungen gezählt. Davon entfielen auf Fußgänger 224 Querungen, auf motorisierte Fahrzeuge 1.832 Querungen und auf nicht-motorisierte Fahrzeuge (Fahrräder etc.) 368 Querungen.
Die Querungshäufigkeiten haben sich offensichtlich rückläufig entwickelt, was zwar insgesamt erfreulich ist, aber dennoch vom Niveau her immer noch recht hoch ist und das obige Problem des zeitlichen Zusammenfalls von Zugzahlen, Schließzeiten und Querungen nicht löst – wie folgende Abbildung zeigt:

Diese Häufigkeitsverteilung der Schienenquerungen bestätigt, dass die Häufung der Schienenquerungen zu einigen Zeiten mit einer Häufung von Zugzahlen und Schließzeiten einhergeht. Damit bleibt das Problem der Dorfzertrennung mit dem Problem der Querungssicherheit eine erhebliche Belastung für die Otzer.
Messung des Schalldruckpegels vorbeifahrender Züge
Beim Thema Lärm haben wir auch in diesem Jahr interessante Beobachtungen gemacht. Im Durchschnitt haben wir einen Schalldruckpegel über alle Messungen von 90,2 dB(A) gemessen. Wobei die S-Bahnen auf einen durchschnittlichen Schalldruckpegel von 83,7 dB(A) kamen und die Güterzüge auf durchschnittlich 92,6 dB(A). Zur Vereinfachung haben wir den Schalldruckpegel in Gruppen eingeteilt: kleiner 80 dB(A), 80 – 90 dB(A), 90 – 100 dB(A) und größer 100 dB(A). Entsprechend der Schallmessung haben wir jeden vorbeifahrenden Zug in die entsprechende Gruppe eingeordnet.

Den Höchstwert erreichte ein Güterzug mit 106,6 dB(A). Der Minimalwert erreichte eine S-Bahn mit 72,5 dB(A). Nachdem uns diese Lärmentwicklung schon im Vorjahr ein wenig irritiert hatte, müssen wir nun feststellen, dass an diesem Tag der durchschnittliche Spitzenwert an Lärm nochmals über dem Wert von 2019 lag; da sind wir nicht mehr nur ein wenig irritiert. Immerhin war zum Zeitpunkt der Aktion das Schienenlärmschutzgesetz schon ein dreiviertel Jahr in Kraft (genau seit dem 13.12.2020). Allerdings mussten wir erfahren, dass die Bahnbetreiber mit noch zu lauten Zügen noch keine Sanktionen zu befürchten hatten. Das haben wir mehrfach bestätigt bekommen. Andererseits hatten wir schon den subjektiven Eindruck, dass nach und nach immer mehr leisere Güterzüge durch Otze fuhren. Aber der subjektive Eindruck zeigte auch, dass die lauten Güterzüge offensichtlich gerade zur Nachtzeit verkehrten. Und genau das bestätigt unsere Messung, wie nachfolgend gezeigt:

Ab 19:00 Uhr waren gerade die Güterzüge mit einem Spitzenlärmpegel von 90 dB(A) und mehr unterwegs. Hier bestätigt sich also das oben bereits angesprochene Problem, dass vermehrt zur Abend- und Nachtzeit fahrende Züge offensichtlich auch besonders laut sind. Da Fremdgeräusche hier kaum oder weit weniger ins Gewicht fallen, vor allem da zur Abend- und Nachtzeit das Ruhebedürfnis der Menschen naturgemäß besonders groß ist, sind laute Züge zur Nachtruhezeit besonders störend – weil auch Schlaf raubend. Da muss nachgebessert werden, denn damit sind – vielfach nachgewiesen – besondere Gesundheitsgefahren verbunden. Siehe Tag des Lärms am 27.04.2022.
Fazit
Die Zähl- und Messaktion 2021 fand erneut unter pandemiebedingten Umständen statt, was sowohl die Terminverlegung als auch organisatorische Einschränkungen – etwa in Ehlershausen – notwendig machte. Dennoch konnte die Aktion dank des großen Engagements der Mitwirkenden erfolgreich und reibungslos durchgeführt werden.
Die erhobenen Daten zeigen eine leichte Zunahme der Zugfrequenz gegenüber dem Vorjahr, was vermutlich auf die allmähliche Normalisierung wirtschaftlicher Abläufe im Zuge der Corona-Pandemie zurückzuführen ist. Besonders auffällig bleibt jedoch die hohe Zahl nächtlicher Güterzüge mit teils erheblichem Lärmpegel – trotz des geltenden Schienenlärmschutzgesetzes. Die gemessenen Schalldruckpegel überschreiten in vielen Fällen deutlich die Schwelle dessen, was insbesondere nachts als zumutbar gilt. Der lauteste gemessene Güterzug erreichte einen Spitzenwert von 106,6 dB(A). Diese Werte bestätigen die zunehmende Belastung der Anwohner durch nächtlichen Schienenlärm, was gesundheitlich bedenklich ist und politisches wie infrastrukturelles Handeln notwendig macht.
Ein weiteres zentrales Problem bleibt die hohe Zahl an Schrankenschließungen in verkehrsreichen Zeiten, insbesondere morgens und am späten Nachmittag. Dies führt nicht nur zu erheblichen Beeinträchtigungen für den Verkehrsfluss und das Sicherheitsgefühl der Querenden, sondern verstärkt auch die bereits bestehende soziale und infrastrukturelle Zerschneidung des Ortes Otze. Die dokumentierten 2.424 Schienenquerungen, davon ein erheblicher Anteil im Berufs- und Schulverkehr, unterstreichen die Dringlichkeit, hier Abhilfe zu schaffen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Ergebnisse der diesjährigen Aktion bestätigen einmal mehr die bestehenden und teils verschärften Problemlagen in Otze – insbesondere in Bezug auf nächtlichen Bahnlärm, Verkehrsbeeinträchtigungen und Querungssicherheit. Die Zähl- und Messaktion leistet damit einen wertvollen Beitrag zur objektiven Dokumentation der Belastungssituation – und liefert erneut fundierte Argumente für notwendige Maßnahmen im Sinne des Lärm- und Verkehrsschutzes.
- Siehe Deutsche Bundesbank: Geschäftsbericht 2021. Frankfurt am Main 2022. ↩︎